Peter Meilchen | A R C H I V

Schland

Schland

Ohr-Ratorium für einen stummen Film

Von A.J. Weigoni

Uraufgeführt am 1992-12-13
anlässlich der Ausstellung Schland von Peter Meilchen
in der Werkstattgalerie Der Bogen, Arnsberg

Weitere Aufführungen 1993:
Literaturtage, Wuppertal / Hörspieltage im Literarischen Colloquium, Berlin / Loft Café, Düsseldorf / Kultur Ruhr, Essen

SCHLAND | DVD-CoverExplosé: “Schland” ist ein Zeitfetzen. Ein akustischer Raum in einem räumlichen Behältnis, dem “neuen” DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz. Er folgt dem poetischen Kernsatz: “Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde.” Die bisherigen Aufführungen bestätigten: Schland ist nicht nur ein Acker in Herdringen auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist überall. Es geht (ganz im Sinne Poes: “Man sieht es und sieht doch hindurch”.) um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit. Im Gegensatz zum, oft beliebigem High-Tech-Bilderschaschlik, wurde Schland mit einem scheinbar antiquierten Bildträger gedreht: Super 8 S/W-Material. Die Nachbearbeitung mit Tipp-Ex, Tinte, Farbstiften und das partielle Zerkratzen der Filmoberfläche kommentiert und verfremdet den Film zugleich. Genauso, wie der Blick manipuliert wird, wurde die Tonspur bearbeitet. Wir hören als Continuum: Zikaden aus dem Mittelmeerraum, Kühe vom Niederrhein, Kuhglocken aus dem Zillertal und Unken aus dem Aquazoo. Die heile Welt als virtuelles Ereignis.

CONTINUUM: DRAUSSEN IN DER HEILEN NATUR. GRILLEN ZIRPEN. VÖGEL GIRREN. VON ZEIT ZU ZEIT MUHEN KÜHE. KUHGLOCKEN LÄUTEN.

SPRECHER 1, GRÜBELT: Schland, Schland ist alles Gebilde von Menschenhand…

SPRECHERIN AUS WEITER FERNE, SINGT: Ein schöner Schland in dieser Zeit / ein schöner Schland in dieser Zeit / endlich sind wir vom Reim befreit / was wir erfinden erweckt die Blinden / zur Winterszeit / (leiser werdend) ein schöner Schland in dieser Zeit / ein schöner Schland in dieser Zeit… (summen)

SAXOPHONIST GREIFT DAS THEMA AUF, FÜHRT ES WEITER UND ZERSÄGT ES.

SPRECHER 2, PREUSSISCH – ZACKIG: Deut-Schland, Deut-Schland, Deut-Schland…

SPRECHER 1, GEHEIMNISVOLL: Ein Feuersalamander schlängelt sich über das Fliegengeschlander.

SPÖTTELNDES SAXOPHON.

SPRECHER 2, PREUSSISCH – ZACKIG: Phot-O-Graf-Vieh, Phot-O-Graf-Vieh, Phot-O-Graf-Vieh…

ALMATMO KUHMUHEN UND KUHGLOCKEN GEHT ÜBER IN SOPRANSAX.

SPRECHERIN, EROTISCH: Verführung der Blicke in Teuschland. (seufzer, dann spitz) Die Macht der Bilder und die Bilder der Macht. Wenn durch die Fotografie die Seele zerstört wird, kerkert der Film die Lebendigkeit ein. (gelangweilt) I`ve been photographed to death. Hah…

KAMERAKLACKEN.

SPRECHER 1: HÄLT EINE VERQUASTE VORLESUNG: Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde. Der permanente Aufnahmezustand, mit dem wir unsere Neugier zu befriedigen suchen, lässt uns in einer Überinformation ertrinken. Nichts zählt mehr, weil alles wirklich sein könnte. Echtheitszonen werden nur noch im hautnahen Bereich abgefragt.

KAMERAKLACKEN.

SPRECHERIN, NACHDENKLICH: Willentlich verwischte Wirklichkeiten sind eigentlich nur noch mit dem schattigen Tasten der Wimpern abfahrbar. Trübe Lider zwinkern zwanghaft. Reflexzonen.

TICKEN GEHT ÜBER IN EIN BOMBASTISCHES SYNTHTHEMA

SPRECHER 2, PFAFFENMÄSSIG: Du sollst Dir kein Bildnis machen!

KAMERAKLACKEN.

SPRECHER 1, SACHLICH: Der eingefrorene Blick. Das Motiv. Der Auslöser. Das Negativ. Der Abzug. Das Bild.

SPRECHERIN, LACHT: Die Objektivität des Bildes, mein Lieber, ist schon längst Legende. Wirklichkeiten werden über Pixel geregelt. Die allerletzten Wahrheiten befinden sich definitiv vor ihrer digitalen Auflösung. Unsere Aura ist wahrscheinlich verlorengegangen.

KAMERAKLACKEN GEHT ÜBER IN EINE HEKTISCHE GROSSSTADTATMO.

SPRECHER 1 REPORTIERT: Grossaufnahme. Realität als Phototermin. Recherche der Flüchtigkeit. Gnadenlos draufhalten. Eine Kamera als Waffe. Die Betroffenen werden in Einzelbilder zerlegt. Das Fahndungsplakat zeigt: Schlecht gerasterte Porträts.

KAMERAKLACKEN – SYNTH.

SPRECHERIN: Es geht um die Gestaltung und nicht die Zerstörung. Der Asphalt ist die Schminke für die Landschaft. Der teerige Ausfluss trat unlängst über die Ufer und flutete diesen Sinn.

SPRECHER 1, SACHLICH: Der magische Moment wird im Alltäglichen ausgelotet. Das Einfangen der Flüchtigkeit des Moments auf dem Scheitelpunkt der Bewegung. Die Frage nach der Individualität in der Relation zum eigentlichen Aussehen gestellt.

SPRECHER 2, IRONISCH: Jede Abbildung spiegelt letztendlich eine verborgene Landschaft der verbogenen Seele.

KAMERAKLACKENGEHT ÜBER IN DEN SAUSATTEN SYNTHWOHLKLINGKLANG UND KAPRIZIERT SICH EIN WENIG.

SPRECHERIN, PACKT DIE BUNTSTIFTE AUS: Fotografie, ein Aufnahmezustand! Was sonst? Menschenspuren im Sediment. Spurensuche. Koordinaten des Zufälligen. Ein flüchtiger Blick. Derart flüchtig, dass er kaum als Augenblick bezeichnet werden kann. Sich fahrig überschneidende Bewegungen. Jene des Vorbeihastenden / und die des Aufnehmenden. Der Sucher, das Fadenkreuz zum Aussen. Der unsichtbare Dritte ist der Besucher der Ausstellung. Der Betrachter und das Bild, ein Ruhezustand.

SATTES AUSKLINGEN MIT FRIEDLICHER ATMO, ZIKADENZIRP UND FROSCHQUAKEN.

1 Kommentar zu Schland

Matthias Hagedorn | 10. August 2010 | 15:28

Schöner Hinweis. Mehr Informationen zur Edition Das Labor unter:

http://editiondaslabor.blogspot.com/

bedanke mich, die Fachkraft für Guerillia-Marketing

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