Peter Meilchen | A R C H I V

Jun/10

25

Schland auf DVD erhältlich

SCHLAND | DVD-CoverExemplarisch läßt sich Meilchens Arbeit an einem Multimediaprojekt verdeutlichen. “Schland” ist der Versuch, den Blick gleichsam zu konservieren und mit der Kraft der Vergewisserung die Seele des Augenblicks festzuhalten. Diese multimediale Arbeit beschreibt einen akustischen Raum in einem räumlichen Behältnis, dem “neuen” DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz.

Schland folgt dem poetischen Kernsatz: “Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde.” Schland ist nicht nur ein Acker in Herdringen, auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist überall. Es geht (ganz im Sinne Poes: “Man sieht es und sieht doch hindurch”) um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit.

Peter Meilchen präsentiert mit Schland ein durchaus ernsthaftes Projekt über ein Tier, dessen Faszinationspotenzial gering scheint, dem aber ein entscheidender Anteil an der Sesshaftwerdung des Menschen, also der wesentlichen zivilisationsgeschichtlichen Wegmarke überhaupt zugesprochen werden kann. Das Kühe, die gütigen Ammen der Menschheit sind, wissen wir seit dem alten Testament, die Gründe dafür, dass der Kuh eher das Image von Behäbig- und Mittelmäßigkeit anhaftet, vollzieht Peter Meilchen in seinem Projekt nach, indem er zeigt, wie ursprünglich biologische Konstitutionsmerkmale oder historische Notwendigkeiten mit symbolischem Gehalt gefüllt werden. Er präsentiert die körperliche Ruhe der Kuh, die sie zum Sinnbild des Stoischen hat werden lassen, mit ihrer Eigenschaft als Beutetier. Für das ist es in freier Wildbahn überlebensnotwendig, weder Panik noch Schmerz zu zeigen, um nicht die Aufmerksamkeit des Raubtiers auf sich zu lenken. Ähnlich: ihre Augen. Sie sind dafür geschaffen, ein maximal großes Sichtfeld zu haben, um Angreifer möglichst früh erkennen zu können. Uns sind sie indes vor allem Ausdruck der psychischen wie physischen Lethargie der Kuh. Wie tief gerade das Bild der Kuh als Indikator von Normalität im kulturellen Gedächtnis verankert ist, wird besonders an jenen Untergangsvisionen augenscheinlich, in denen die Kuh zum Vorboten des Unheils wird, das bald auch den Menschen erreichen wird. Was mit den Kühen in der biblischen Apokalypse-Darstellung beginnt, setzt sich fort in amerikanischen Weltuntergangsfilmen wie “Apocalypse Now”, “Twister” oder “Jurassic Park”, in denen die durch die Luft fliegende oder schwebende Kuh zum untrügliches Zeichen dafür wird, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Sein Trick besteht darin, daß es natürlich gar nicht um die Wahrheit über die Kuh geht, sondern darum, gerade durch die verschiedenen Projektionen etwas über die die Menschen und ihre Zeit selbst zu erfahren.

Mit der Erkenntnis, daß in jeder scheinbar noch so objektiven Darstellung immer auch subjektive Wahrnehmung steckt, läßt sich niemand mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Daß die Frage nach der Wiedergabe von Realität noch immer ein interessanter Ausgangspunkt für Photografische Unternehmungen sein kann, zeigt Peter Meilchen. Bei aller Medienreflexivität und dem Bewußtsein für historisches Gepäck scheint er sich seinen persönlichen Vorlieben gern hinzugeben. Genau das macht den Reiz dieser Arbeiten aus. Er eignet sich die bildnerischen Verfahren seiner Vorgänger an, um Irritationen einzufügen, die wie ein mitunter sehr humorvoller Metatext funktionieren. Daher ist es nur konsequent, “Schland” zu transformieren und digitally remastered auf DVD anzubieten. Diese Umwandlung führte bei der analogen Photografie von der photografierten Realität ins digitalisierte Bild und befragt damit die Relevanz des Mediums. Das ist das Unvergleichliche an Peter Meilchens Kunst: Sie erträgt nicht nur die Vieldeutigkeit, ja sogar den Widersinn. Sie setzt die andere Möglichkeit der Deutung geradezu voraus. Man braucht sich nicht auf die eine und allein gültige Botschaft festzulegen. Seine Bilder sprechen zum Betrachter in vielen Sprachen. Erst wenn wir fähig werden, die zahlreichen und ganz anders lautenden Botschaften zu entschlüsseln, die das Kunstwerk bei umsichtigem Befragen aussendet, begreifen wir das Wesentliche. Vieles im Leben ist eindeutig und unmissverständlich. Damit haben wir uns letztlich abzufinden.

Matthias Hagedorn

Schland digitally remastered auf DVD, Edition Das Labor

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3 Kommentare zu Schland auf DVD erhältlich

Heureka | 26. Juni 2010 | 00:32

Kein “neuer” Raab
in diesem Land,
“schland” als Begriff
wird schon verwandt
seit zweiundneunzig
der Leser freut sich
war sooo nicht bekannt.

Matthias Hagedorn | 24. August 2010 | 10:06

Wie es ausschaut erhält der Meister eine Würdigung auf dem Kunstfilmtag in Düsseldorf

http://www.kunstfilmtag.de/index.php?id=45&tx_ttnewstt_news=113&tx_ttnewsbackPid=34&cHash=42b200f282

Matthias Hagedorn | 9. Oktober 2011 | 07:50

Zum Gedenken an den Artisten Peter Meilchen wurde auf youtube der Channel “EditionDasLabor” eingerichtet. Dort wird als erstes Video »Schland« präsentiert, ein durchaus ernsthaftes Projekt über ein Tier, dessen Faszinationspotenzial gering scheint, dem aber ein entscheidender Anteil an der Sesshaftwerdung des Menschen, also der wesentlichen zivilisationsgeschichtlichen Wegmarke überhaupt zugesprochen werden kann. Das Kühe, die gütigen Ammen der Menschheit sind, wissen wir seit dem alten Testament, die Gründe dafür, dass der Kuh eher das Image von Behäbig– und Mittelmäßigkeit anhaftet, vollzieht Peter Meilchen in seinem Projekt nach, indem er zeigt, wie ursprünglich biologische Konstitutionsmerkmale oder historische Notwendigkeiten mit symbolischem Gehalt gefüllt werden. Er präsentiert die körperliche Ruhe der Kuh, die sie zum Sinnbild des Stoischen hat werden lassen, mit ihrer Eigenschaft als Beutetier. Für das ist es in freier Wildbahn überlebensnotwendig, weder Panik noch Schmerz zu zeigen, um nicht die Aufmerksamkeit des Raubtiers auf sich zu lenken. Ähnlich: ihre Augen. Sie sind dafür geschaffen, ein maximal großes Sichtfeld zu haben, um Angreifer möglichst früh erkennen zu können. Uns sind sie indes vor allem Ausdruck der psychischen wie physischen Lethargie der Kuh. Wie tief gerade das Bild der Kuh als Indikator von Normalität im kulturellen Gedächtnis verankert ist, wird besonders an jenen Untergangsvisionen augenscheinlich, in denen die Kuh zum Vorboten des Unheils wird, das bald auch den Menschen erreichen wird. Was mit den Kühen in der biblischen Apokalypse–Darstellung beginnt, setzt sich fort in amerikanischen Weltuntergangsfilmen wie »Apocalypse Now«, »Twister« oder »Jurassic Park«, in denen die durch die Luft fliegende oder schwebende Kuh zum untrügliches Zeichen dafür wird, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Sein Trick besteht darin, daß es natürlich gar nicht um die Wahrheit über die Kuh geht, sondern darum, gerade durch die verschiedenen Projektionen etwas über die die Menschen und ihre Zeit selbst zu erfahren.

http://www.vordenker.de/meilchen/schland.htm

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