Peter Meilchen | A R C H I V

Apr/10

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Interim – Hommage an Peter Meilchen

Haimo Hieronymus - MINIATURENWie kaum eine andere Werkstattgalerie in Deutschland hat ‘Der Bogen’ immer großen Wert auf die handwerkliche Erarbeitung von Künstlerbücherm gelegt. Von den Materialbüchern des Jürgen Diehl, über die »Schland-Box« von Peter Meilchen, bis hin zu den Haimo Hieronymus Erkundungen über die Möglichkeiten der Linie zwischen Schrift und Zeichnung findet sich eine Vielfalt des Ausdrucks, die ihres Gleichen sucht.

Diese Tradition wird nun fortgesetzt durch Stephanie Neuhaus mit ihrem Künstlerbuch »Schattenfluss«. Diese Artistin verfolgt das Ideal eines Künstlerbuches, in welchem Bilder Texten gegenübergestellt werden, ohne dass sie sich jeweils illustrieren, doch sie ergeben ein folgerichtiges Ganzes. Sie untersucht das Wesen des Schattens in ihren fast spröden Gedichten wie Bildern und lässt den eigentlichen Charme ihrer Poesie erst mit dem letzten Wort zur vollen Entfaltung kommen.

Stephanie Neuhaus - SCHATTENFLUSSDie Linolschnitte wirken bekannt, irgendwo schon gesehen, aber erst mit dem Rücken eines entblößten Menschen, dem Spiel des Lichts auf der Haut wird man diese Bekanntschaft erschließen. Die schlaglichtartige Ausleuchtung gibt diesem Arbeiten ihre Struktur, formt eine fließende Welt des Schattens, Formuntersuchungen trotzdem, ganz nüchtern protokolliert. Dieses Erstlingswerk fordert; auch zu kritischer Teilhabe.

Die kurze Form ist auch Haimo Hieronymus einen Versuch wert. Seine sprachlichen »Miniaturen« gehen ins Aphoristische. Als Sprach-Bildner prägt Haimo Hieronymus visuelle Sprachskizzen, Polaroids der Erinnerung. Und dies in Form eines Künstlerbuchs, das in der Edition Das Labor zum Suskribtionspreis bestellt werden kann. Einsehbar ist es am 1. Mai, wo es ab 17.00 Uhr im Kunstraum Krumscheid in Linz am Rhein präsentiert wird.

Zur Eröffnung liest A.J. Weigoni als Hommage an den in Linz am Rhein geborenen Peter Meilchen ein Kapitel aus dem Band »Vignetten«. Der Fluß seiner Klangrede ist verschachtelt verdichtet und in einem improvisierenden Parlando gehalten, das mit Abschweifungen, Reprisen, gelegentlichen Anekdoten und selbst umgangssprachlichen Wendungen nicht geizt.

Adresse:
“Kunstraum Krumscheid”
Asbacher Straße 2, 53545 Linz am Rhein
(Anfahrt via google-maps)

Mehr Informationen über die Künstlerbücher in der Edition Das Labor findet sich unter: http://www.kultura-extra.de/literatur/literatur/rezensionen/Kuenstlerbuch_Idole_Weigoni_Hieronymus_2007.php

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1 Kommentar zu Interim – Hommage an Peter Meilchen

Matthias Hagedorn | 13. August 2010 | 14:33

Seitdem das Internet mit Text befüllt wird, modifiziert sich die Buchkultur zur Schriftkultur. Die digitale Kommunikation des 21. Jahrhunderts verändert unser Denken, Schreiben und Publizieren. Die neue Schriftkultur eröffnet die Möglichkeit, zu analysieren und geschriebene Texte, Bilder und Töne zu vergleichen und fortwährend den neuesten Erkenntnissen anzupassen. Analog zur Erfindung Johannes Gutenbergs eröffnet das Internet neue Möglichkeiten der Verbreitung von Literatur, Kunst und Musik.

Die Artisten der Edition Das Labor legen ihr gesammeltes diskursives Wissen über Kunst und deren gesellschaftlicher Begleitumstände auf den Tisch. Sie ergänzen sich, streiten und korrigieren sich – und in einigen Fällen entdecken mehrere Artisten in der Vielstimmigkeit der Argumente zugleich eine neue Position. Die klassische Autorschaft ist ebenso perdü, wie der Geniekult des 19. Jahrhunderts. Die Frage lautet nicht, wie das Netz das Denken verändert, sondern wie das künstlerische Denken das Netz formt.

Die Artisten der Edition Das Labor bewegen sich in einem Niemandsland, einem Freiraum, in dem es keinen politischen oder ökonomischen Druck gibt und keine ästhetische Diktatur. Sie ergründen die Umstände, in welchen Situation Kunst Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu verfallen. Das Internet lässt sich aktiv statt reaktiv nutzen, es verhilft dem Kunstfreund zu finden, was er wissen möchte. Im Buch gibt es Fußnoten und Intertext, aber keinen Hypertext. Dort muss der Leser alle geistigen Vernetzungen selbst leisten. Das Internet bietet dem User eine andere Form des Umgangs. Die Benutzung von Hyperlinks läßt eine Ausstiegsmöglichkeit. Das Buch hingegen baut einen größeren Druck auf dranzubleiben.

Die Gründer der Edition Das Labor interessieren sich für Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist, es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. Bei diesem Netzwerk sind grundlegende Werte die Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichheit und Solidarität angezeigt. Die beteiligten Artisten vertrauen auf die ethischen Werte Ehrlichkeit, Offenheit, Sozialverantwortlichkeit und Interesse an anderen Menschen. Der Sinn der Edition Das Labor liegt darin, dass sich Künstlergruppen aus unterschiedlichen Regionen zusammenschließen und dem herrschenden Kulturbetrieb etwas Eigenes entgegensetzen. Diese Art zu arbeiten befreit die Gründer der Edition Das Labor von der Massenidentität, die in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Artisten machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um als Individuen zu überleben.

Der Kulturbetrieb konfiguriert sich neu. Neben den Produktionsorten ‘Tonstudio an der Ruhr’ und der Werkstattgalerie ‘Der Bogen’ in Arnsberg, ist in 2010 als Veranstaltungsort der ‘Kunstraum Krumscheid’ in Linz am Rhein hinzugekommen. Weitere Vernetzungen mit ähnlich arbeitenden Artisten werden angestrebt. Das Sprachrohr der Artisten der Edition bildet die Plattform. Dieses Podium verschaltet das künstlerische Denken und Tun on- und offline sinnfällig.

Die Konzentration im Kulturbetrieb schreitet im Internetzeitalter rasant voran. Kunst ist eine Ware mit besonderer Aura. Mit der Beschleunigung des Kultur-Betriebs und seiner am Mainstream orientierten Produktion hat sich auch das Feuilleton gewandelt: Konzentrierte sich das Interesse bislang auf den künstlerischen Gegenstand, so scheint zu beginn des 21. Jahrhunderts dessen Personifizierung das Maß aller Dinge zu sein. Über Vermarktungsstrategien streitet man sich bereits, seit Gutenbergs Erfindung des Bleisatzes. Der Markt für anspruchsvolle Innovationen und Entdeckungen hat sich dramatisch ausgedünnt, die Neugier auf Kunst hat in einem beängstigenden Maß nachgelassen. Pop, Glamour und Spaßkultur haben sich vor das Ernstere geschoben. Zerstreuung, Abenteuer, Selbsterfahrung, Internet verbauen den Blick auf das Wesentliche, das wir benötigen, wenn viele dieser Phänomene ihre Anziehungskraft verloren haben. Buchhändler verlangen Werbekostenzuschüsse, damit Bücher überhaupt in der Auslage präsentiert werden, die Presse ist immer stärker von den Anzeigen der Großverlage abhängig, deren Bücher sich immer ähnlicher werden und die Literaturkritik ist auf den Hund gekommen. Umgeschriebene Waschzettel beleidigen die Leser genauso wie redaktionelle Inhalte, die an Anzeigen geknüpft sind.

Informationen sammeln, konzentrieren und als gebündeltes Wissen wieder an die Nutzer weitergeben – das ist der Mechanismus, der die Konzentration des künstlerischen Netzwerks vorantreibt. Als Werkzeug dient die Edition, eine Frischluftzufuhr für den Kulturbetrieb, eine Transparenzinitiative, die Meinung unzensiert “liefert”. Kultur ist als Unterhaltung, genauer: die Anstrengung des Begriffs und Arbeit am Gegenstand. Die Artisten der Edition Das Labor nehmen den Vertrieb ihrer Produkte selbst in die Hand.

Link: http://editiondaslabor.blogspot.com/

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